Thema des Monats April 2003
Bedeutung und Zukunft des auftragsorientierten Lernens für das Handwerk

Die berufliche Bildung hat sich in den letzten Jahren in Industrie und Handwerk verstärkt mit Formen und Möglichkeiten der Integration des Lernens in Arbeits- und Geschäftsprozessen befasst. Dieser Trend zur Verzahnung von Arbeiten und Lernen in der betrieblichen Ausbildung bzw. von Theorie und Praxis im berufsschulischen Unterricht setzt sich bis heute fort. Gerade im Handwerk ist die Möglichkeit des Lernens im Arbeitszusammenhang schon immer gegeben, die Potenziale werden aber selten genutzt. In der traditionellen Ausbildung werden Lehrlinge in der Regel einem Gesellen für die Bearbeitung von Kundenaufträgen zugeteilt. Da insbesondere im Sanitär-, Heizungs- und Klima-Handwerk kaum mehr werkstattbezogene Tätigkeiten vorzufinden sind, werden die Auszubildenden in dieser Situation "vor Ort" in unterschiedlicher Weise vom Gesellen in die Erledigung der anfallenden Arbeiten einbezogen.



Die Lernprozesse verlaufen je nach Auftragsstruktur, Zeit- und Arbeitsdruck sowie dem "pädagogischen Geschick" des Gesellen eher zufällig. Die systematische Einbindung von Auszubildenden in Entscheidungs-situationen, die kontinuierliche Förderung von Selbständigkeit, Verantwortungsbereitschaft sowie die Unterstützung zur eigenständigen Planung, Durchführung und Kontrolle von Arbeits- und Lernprozessen sind selten. Als weiteres Erschwernis kommt hinzu, dass die theoretischen Lerninhalte in der Berufsschule i.d.R. losgelöst von dem betrieblichen Arbeitshandeln vermittelt werden. Es bleibt den Auszubildenden zumeist selbst überlassen, Zusammenhänge zwischen betrieblichem und schulischem Lernen zu erkennen. Die Potentiale eines Lernens am Kundenauftrag werden in der Regel kaum genutzt.

Dies wird auch durch die Ergebnisse einer vom Bundesinstitut für Berufsbildung durchgeführten Studie bestätigt, die sich u.a. mit der Frage befasste, wie sich das im Handwerk traditionell vorherrschende Meistermodell auf die Verteilung der Arbeiten im Rahmen des Kundenauftrags auswirkt. Die Untersuchungen zeigen, dass Auszubildende in den Phasen der Akquisition, Auftragsplanung und Auftragsauswertung nicht und an der Auftragsdurchführung nur in geringem Umfang beteiligt werden. Die der Durchführung vor- und nachgelagerten Bereiche sind also im wesentlichen nicht Gegenstand der Ausbildung.



Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen des Wirtschaftsmodellversuchs HeLB, der vom 1995 - 1998 in Bremen vom Fachverband Sanitär-, Heizung- Klima durchgeführt und von der Forschungsgruppe Praxisnahe Berufsbildung wissenschaftlich begleitet wurde, das auftragsorientierte Konzept "Lernen im und am Kundenauftrag" entwickelt und erprobt. Zentrales Anliegen des Modellversuchs war es, die typische Arbeits- und Ausbildungsstruktur im SHK-Handwerk als Ausgangspunkt der Betrachtung zu nehmen und zu fragen, welche Chancen sich beim Lernen an Kundenaufträgen im Hinblick auf den Auszubildenden, auf die betriebswirtschaftliche Situation des ausbildenden Betriebs und auf Formen der Kooperation zwischen den dualen Partnern ergeben und wie diese in ein tragfähiges Ausbildungskonzept zwischen Handwerk und Berufsschule integriert werden können.

Grundsätzlich zielt der Begriff »Lernen im und am Kundenauftrag« auf die Verwendung in einem theoretisch-konzeptionellen Rahmen ab. D.h., immer dann, wenn allgemein und ohne konkreten Anwendungsbezug auf einen Lernort über das Konzept gesprochen wird, sollte der Begriff »Lernen im und am Kundenauftrag« gebraucht werden. In Ergänzung dazu ist die Unterscheidung in ein Lernen im und am Kundenauftrag zu sehen, die auf eine unterschiedliche Anwendung bzw. Umsetzung der Konzeption an den Lernorten der beruflichen Bildung verweist: Ein Lernen im Kundenauftrag kennzeichnet die konkrete betriebliche Umsetzung, in der ein Lernen im »realen« Kundenauftrag erfolgt bzw. ermöglicht wird. Ein Lernen am Kundenauftrag bezeichnet die Umsetzung des Konzepts in schulischen und/oder überbetrieblichen Ausbildungszusammenhängen, in denen zumeist in simulativen oder projektorientierten Zusammenhängen ein kundenauftragsnahes Lernen ermöglicht werden soll. Daneben, dies zeigen die Erfahrungen aus unterschiedlichen Umsetzungen, ist eine Mischform zwischen dem Lernen im und am Kundenauftrag möglich, z.B. durch die Zusammenarbeit zwischen Berufsschule und Betrieb, bei dem sich das Lernen im mit dem Lernen am Kundenauftrag ergänzt.



Die Ergebnisse aus Umsetzungen an den Lernorten der beruflichen Bildung zeigen, dass es möglich ist, Auszubildende ganzheitlich durch ein »Lernen im und am Kundenauftrag« am Auftragserfüllungsprozess zu beteiligen. Mit dem »Lernen im Kundenauftrag« wird ihnen die Chance eröffnet, frühzeitig und in Selbstverantwortung Aufgaben aus der betrieblichen Praxis zu übernehmen, die zu einem Mehr an Motivation und Bereitschaft des persönlichen Einbringens beitragen. Weiter zeigen die Ergebnisse zum »Lernen am Kundenauftrag«, dass die Vermittlung eher praxisorientierter Inhalte aus der betrieblichen Auftragsarbeit mit den theoretischen Inhalten der schulischen Ausbildung korrespondieren können. Durch ein abgestimmtes Zusammenwirken eines »Lernens im und am Kundenauftrag« wird den Lernenden und Lehrenden die Möglichkeit eröffnet, Ausbildungsinhalte als eine die Lernorte integrierende Einheit im dualen System anzusehen. Die unter integrativen und ganzheitlichen Gesichtspunkten entwickelten und erprobten Aufgabenstellungen in Zusammenarbeit von Schule und Betrieb orientieren sich deutlicher an den Interessen und praktischen Herausforderungen zukünftiger Facharbeit und gehen über die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten hinaus. Dies setzt jedoch auf der Seite der betrieblichen Ausbilder die Bereitschaft voraus, den Auszubildenden in einem partnerschaftlichen Verhältnis in den Arbeitsprozess einzubeziehen. Das bedeutet auch, dem Auszubildenden das Vertrauen entgegenzubringen, ihn frühzeitig - möglichst vom ersten Tag der Ausbildung an - mit ganzheitlichen, im Kundenauftrag vorkommenden Arbeiten zu betrauen.

Die Erfahrungen und Ergebnisse zeigen aber auch, dass eine breite Umsetzung des Konzepts »Lernen im und am Kundenauftrag« in das handwerkliche Ausbildungssystem begleitender Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen bedarf. So ist es zwingend erforderlich die berufspädagogischen Voraussetzungen des ausbildenden Personals in Betrieb, überbetrieblicher Einrichtung und Schule zu schaffen, damit eine auftragsorientierte Ausbildung, auch unter kooperativen Aspekten, gelingen kann.

Da ein Lernen im und am Kundenauftrag mehr ist als nur eine neue Ausbildungsmethode, sondern insgesamt ein grundsätzlich anderes Verständnis von Ausbildung erfordert, gelingt den i.d.R. eher traditionell organisierten Einrichtungen der beruflichen Bildung eine Integration in ihre bisherige Ausbildungspraxis nicht immer im erforderlichen Maße. Hier Bedarf es entsprechender Unterstützung bei der Initiierung von Reorganisationsprozessen in Schule (z.B. durch sog. Schulentwicklungsprozesse), überbetrieblichen Ausbildungsstätte und in den Betrieben (z.B. durch ein "Modernes Management im Handwerk), zu »lernenden Organisationen« bzw. »Kompetenzzentren«.

Insbesondere vor dem Hintergrund der Neuordnung der SHK-Berufe wird dem Konzept "Lernen im und am Kundenauftrag" in naher Zukunft eine große Bedeutung zukommen, da in den Ordnungsmitteln der betrieblichen und schulischen Lernorte eindeutige Empfehlungen, Hinweise und Vorgaben auf eine auftragsorientierte Gestaltung der beruflichen Bildung im Handwerk enthalten sein werden.

Weitere Informationen zum Thema: Autor: Michael Sander

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