Quartalsthema 2 / 2005
Eine Struktur für das Wissen?

Das Quartalsthema versucht aus individueller Sicht, den Prozess der Gestaltung von Lernsituationen nachzuzeichnen. Damit möchte der Autor engagierten Kollegen anderer Schulen zum Vergleich dieses Prozesses mit der Lage im eigenen Hause ermuntern - ohne danach Enttäuschungen zu verschweigen. Es sind schließlich die Unzufriedenen, mit denen man erfährt, dass der Unterschied zwischen einer Handlung und einem Muster wesentlich ist. Der menschliche Zug, selbst Ordnung und Struktur geben zu wollen, bleibt die womöglich ergiebigste Quelle für erfolgreichen Unterricht.

Zur Neuordnung des ersten Lehrjahrs

Wo findet man eigentlich noch jene Handwerksgesellen im Alter von 40, die über "Stupierte", "Dauerwechsler" und "Spätberufler" spötteln? Die Ansprüche an die berufliche Arbeit haben sich verändert, und es gibt keine Arbeit mehr ohne ständige Weiterbildung (lebenslanges Lernen) und Bereitschaft zur Veränderung. Wahr geworden ist die Vision des Berufsbildungsgesetzes: Berufstätigkeit bedeutet aktive Teilhabe an der Gestaltung gesellschaftlicher, sozialer und technischer Entwicklungen. Technische Innovationen, Fortschreibung der Umweltgesetzgebung, Veränderungen der Arbeitsorganisation und Orientierung an Kundenwünschen machen die berufliche Handlungs-kompetenz zum Leitziel. Jedem gefällt folgendes Lob:

Du bist wirklich kompetent!

Doch wie zeigt sich denn meine Kompetenz? Indem ich bei jeder neuen Aufgabe einen Weg finde, zu einer fachgerechten Lösung zu kommen. Dieses "Handeln können" ist seit August 2003 auch der Maßstab der Ausbildung zum Anlagenmechaniker SHK - Handlungsorientierung wurde zum Ausbildungsprinzip des Rahmenlehrplans gemacht.

Tatsächlich mögliche berufliche Handlungen werden seitdem vielerorts im Unterricht simuliert und reflektiert unter Einbeziehung fachlicher, Team bezogener und persönlicher Problemanteile. Man verbessert sich: Immer mehr gelingt es einerseits, berufstypische Handlungen ausfindig zu machen. Andererseits muss durch den Unterricht mehr Raum organisiert werden für Eigenständigkeit von Schülern bei der Strukturierung des Wissens.

Die Umsetzung in Berlin

Lehrer A der Max-Taut-Schule (OSZ Versorgungstechnik Berlin) berichtet: "Unterstützt durch Schulleitung und Abteilungsleiter haben meine Kollegen und ich schon ein Jahr vor der Lehrplanumstellung eine AG gebildet, die Zielformulierungen und Inhalte der Lernfelder analysiert, dazu passende berufstypische Handlungen auswählt - selbstverständlich im Dialog mit erfahrenen Meistern - und im Unterricht überprüft. Jeder notiert seine Ideen und liefert Konzepte. Wir halten den Unterricht in verschiedenen Klassen, beobachten uns gegenseitig, verbessern wo nötig den Anderen und die Konzepte unter folgenden zwei Regeln:
  • Die Schüler können das Wissen in einer Form reflektieren, die zu ihnen passt und sie haben Anspruch auf Klarheit der Problemstellungen, verständliche Sprache, Sinn des Lerninhalts und Erfolgserlebnisse.
  • Zweitens: Die Lehrer haben Lust auf Veränderung und Sehnsucht nach Qualität."
Was fällt sonst noch auf? Der Unterricht findet mit einem wöchentlichen Berufsschultag und einem monatlichen Zusatztag statt; die Schultage beinhalten z. T. abgeschlossene Handlungen, z. T. Erarbeitungs-, Sicherungs- und Übungsphasen. Problemorientiertes Infomaterial und Arbeitsblätter wurden erstellt und stehen für jeden Lehrer auf dem Server der Schule zur Verfügung.
Die Schüler erhalten für das gesamte erste Lehrjahr (Grundlagen der Versorgungstechnik) den Zeichnungssatz eines Einfamilienhauses - denn alle Lernsituationen stehen im Zusammenhang mit dessen versorgungstechnischem Ausbau:

Lernfeld Inhalt der Lernsituation U-Stunden
LF 1: Fertigen von Bauelementen mit handgeführten Werkzeugen LS 1: Gaszähleranschluss (Gewinderohr) 24h
LS 2: Kupferabzweig (Cu-Installation TW) 24h
ZT 1: Metallische Werkstoffe 8h
ZT 2: Kunststoffe 8h
LF 2a: Bearbeiten von Anlagenteilen mit Maschinen LS 1: Auffangrinne Titanzink 30h
ZT 5: Gästebad (Vorwand, Baustoffe, Befestigung) 8h
LF 2b: Bearbeiten von Kundenaufträgen ZT 3: Angebot für eine Gartenbewässerung 8h
ZT 4: Angebot für den Einbau eines Wasserzählers 8h
LF 3: Herstellen von einfachen Baugruppen LS 1: Rohrverteiler (Werkstoffe, Verbindungen) 30h
LS 2: Waschtischmontage 24h
LF 4: Warten technischer Systeme LS 1: Wasserqualität 12h
LS 2: Einfacher Heizkreislauf 24h
ZT 6: Lüfter / Verlängerungsleitung (E-Technik) 8h


Jede Lernsituation endet mit einem Werkstück (Gruppenprodukt), für das in Laboren Rechner, Material, Werkzeuge und Maschinen bereit gestellt werden; die Labore wurden dazu umgestaltet, auch für Präsentationszwecke (Ständerwerke zur Objektmontage, Beamer etc.).
Beispielhaft für das Anliegen, den Schülern eine vollständige berufsbezogene Handlung zu ermöglichen, kann hier der Zusatztag 5 skizziert werden:
  • Alle Schüler verfügen über den Grundriss des Einfamilienhauses;
  • Die Schüler planen und zeichnen den Grundriss des Gästebades;
  • Mit der Software der Fa. TeCe erstellen die Schüler die Zeichnung eines Ständerwerks zur Vorwandmontage;
  • Die Software liefert die notwendige Detailliste mit Positionsnummern für die Montage (ebenso: Materialliste, Kalkulation, Ausschreibung, variable 3D-Ansichten);
  • Die Schüler holen das Material mit der Detailliste beim Labortechniker ab und montieren das Ständerwerk;
  • Zusätzlich recherchieren die Schüler über mögliche Befestigungstechniken für unterschiedliche Baustoffe und dokumentieren die gesamte Handlung in einer Projektmappe.
Der Leser sollte nun versuchen, einen Oberbegriff für jeden Schritt zu finden. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit der eines Kollegen.

Reflexion über Entwicklung von Kompetenz

Es gibt unterschiedliche Typen von Facharbeitern: Die einen, die die Arbeit machen, die anderen, die nur mitmachen, wieder welche, die Arbeit gut verkaufen und möglicherweise noch andere Typen. Das Bild des/der kompetenten Facharbeiter/s vereinheitlicht diese Typen entweder in einer Person (Bildungsideal) oder in einer Arbeitsgruppe (Gesellschaftsideal). Die Leistungsanforderungen des Arbeitsmarktes und individuelle Bedürfnisse machen den mehrmaligen Arbeitsplatz- und Fachrichtungswechsel von Einzelpersonen zum Normalfall. Den Arbeitsplatz wechselt er, die Kompetenzen nimmt der Arbeiter mit und es wird erwartet, dass er sie mitbringt. Jeder muss daher mehr wissen über seine Kompetenzen.

Kompetenz entsteht vermutlich dann, wenn Erfahrung, Aufmerksamkeit und der Wille, eine Struktur zu geben, zusammenkommen. Aufmerksamkeit: Diese herzustellen für Lernprozesse ist die Hauptaufgabe des Lehrers. Da mittlerweile bei Jugendlichen viel an Zwischenmenschlichkeit in Form von Waren organisiert ist (Outfit, Handys: SMS, Töne, Logo), bleibt dem Lehrer nur die bessere Alternative, nämlich Kontaktaufnahme, Identifikation, Zeigen von Lob, Tadel und Zuneigung. Erfahrung: Zunächst generierten einige Lehrer an der Max-Taut-Schule Lernsituationen, die vollständige Handlungen ermöglichen. Nun fielen Kollegen auf, die Schwierigkeiten mit diesem Leittextmodell (Informieren, Planen, Entscheiden, Durchführen, Kontrollieren, Bewerten) oder seiner Kundenauftrags-Version (Information und Orientierung, Planung und Durchführung, Bewertung, Präsentation) zeigten - obwohl sie keine schlechten Menschen sind. Zusätzlich fielen Schüler auf, die trotz Beteiligung am Unterricht in den Leistungskontrollen versagten - und deren Lehrer, die keine Lust hatten, sich dafür mit dem Verweis auf PISA zu entschuldigen. Auch die fleißigen "Lernfeld-AGler" hatten Weiterbildungsbedarf: Was hakt denn da bei den Anderen? Das sind doch völlig logische Handlungsabläufe, die jeden Fachbegriff in Anwendung und in einen Sinn bringen! Möglicherweise kann die Strukturierung des Fachwissens nicht vereinheitlicht werden. Offenbar strukturieren auch ausgebuffte Lernprofis nach 20 Dienstjahren noch gern selbst: Ist das eigene System nicht schon der halbe Spaß?

Erfreulicherweise haben zahlreiche Erfinder oder Sammler (z. B. Vertreter des SOL-Ansatzes oder Heinz Klippert oder Reinhold Miller oder andere) eine Vielzahl Handlungsorientierter Unterrichtsmethoden bereitgestellt. Keine darf verabsolutiert oder zur Richtschnur gemacht werden - es geht um das Bereitstellen vieler Möglichkeiten des Probierens für die Schüler. Am OSZ Versorgungstechnik werden seit 2004 u.a. folgende Kreativtechniken eingesetzt, die den Azubis eine eigenständige Strukturie-rung der Lerninhalte ermöglichen:

Kreativtechnik Vorgehensweise LF / LS Anlass / Produkt
Kartenmethode Zentrale Fachbegriffe werden auf großformatigen, illustrierten Karten vorgeführt (Nummernrevue). Schüler schreiben zunächst in EA die Begriffe auf und tragen sie danach in der Gruppe zusammen (Gruppenerfolg). 2a / 1 Arbeitsschritte auf Plakat mit Illustration (Selbst gemachte Fotos, Skizzen, Zeichnungen, Kommentare)
Sortiermethode Jeder Schüler erhält einen persönlichen Umschlag mit den 30 wichtigsten Begriffen der Lernsituation. Er ordnet sie zunächst in EA nach "Kenn ich" bzw. "Kenn ich nicht". Danach werden die Unbekannten in der Tischgruppe gesammelt und gemeinsam geklärt. 1 / 1 1. Klassenarbeit TEC
Strukturlegen Schüler legen die 30 Begriffe in eine Struktur, aus der sich für sie sinnvolle Zusammenhänge ergeben. Sie übertragen diese Struktur auf ein Blatt und begründen schriftlich, warum sie bestimmte Begriffe in einen Zusammenhang stellen und andere davon abgrenzen. 1 / 1 Präsentation vor der Klasse
Gruppenpuzzle L teilt Klasse in drei Stammgruppen ein. Diese ent-senden Vertreter in Expertengruppen, die sich einen wichtigen Aspekt des Themas erarbeiten. In Stammgruppe wird der Aspekt dann referiert. 6 / 1 Übersicht: Teilbereiche der Entwässerungstechnik
Mindmapping Schüler erhalten ungeordnete Auflistung von Ar-beitsschritten, Werkzeugen und Hilfsmitteln, legen Gedankenzweige mit fachgerechten Zuordnungen an und bestimmen Reihenfolge. 1 / 2 Vorbereitung Weichlöten Cu-Rohr


Über den Autor

Thomas Schimitzek führte sein Referendariat und seine Prüfung zum Zweiten Staatsexamen an der Max-Taut-Schule durch und sucht derzeit eine Stelle als Studienrat. Er war an der "AG Lernfeld" der Schule beteiligt und sympathisiert mit der pragmatischen Grundhaltung dort, die zur erfolgreichen Ausgestaltung des ersten Lehrjahrs zum Beruf "Anlagenmechaniker SHK" mit Lernsituationen führte.

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